Ein Nikolaus zwischen Rassismus und Tradition

RedakteurIn: J. Majerus

Wenn es heute Abend an der Tür klopft, wird wohl niemand verwundert fragen, wer das wohl sein könnte. Der Nikolausabend ist da und damit natürlich auch der Nikolaus. Da dieser seine Aufgaben nicht alle allein bezwingen kann, braucht er Helfer. In Österreich bedeutet das, dass mit dem Nikolaus auch Krampusse auf der Matte stehen. In den Niederlanden bedeutet das vor allem eines: viel Streit.

Während die Kinder sich heute Abend über Schokoladenbuchstaben, Pfeffernüsse und Geschenke von Sinterklaas freuen, versammeln sich die Erwachsenen zu Protesten und Demonstrationen auf den Straßen. Grund dafür sind die Helfer des Sinterklaas, oder genauer gesagt: die Knechte. Deren Tradition beginnt im Jahr 1850. Jan Schenkman, ein niederländischer Lehrer, Dichter und Kinderbuchautor, bildete in seinem Bilderbuch Sint Nikolaas en zijn knecht (dt.: der Heilige Nikolaus und sein Knecht) erstmalig einen Helfer des Sinterklaas ab: einen schwarzen Mann mit bunter Pufferhose und Barett. In späteren Jahren bekam der schwarze Mann in Pufferhose außerdem goldene Kreolen als Ohrschmuck und knallrote Lippen. In Schenkmans Bilderbuch hat der Knecht des Sinterklaas noch keinen Namen. 
Heute nennt man ihn den Schwarzen Piet. Und heute erinnert er immer mehr NiederländerInnen vor allem an eines: die Sklaverei. Und dieser Eindruck täusche nicht, heißt es aus Expertenkreisen. Laut ihnen gibt es tatsächlich einen Link zwischen dem Schwarzen Piet und der Geschichte der Sklaverei. So erinnern die Darstellung und insbesondere die Kleidung des Piet an Pagen im 16. Jahrhundert. Jungen, die zu dieser Zeit als Pagen arbeiteten, taten dies nicht freiwillig. Sie wurden von reichen Eigentümern zu Sklaven gemacht. Und auch die Tatsache, dass der Schwarze Piet der Knecht des Sinterklaas – also der Knecht eines weißen Mannes – ist, erinnert Kritikerinnen an die Sklavenarbeit. 
In den vergangenen Jahren gab es zudem viel Kritik an den merkwürdigen Bewegungen und Verhaltensweisen der Piets. Die Aktivistenorganisation Kick out Zwarte Piet (dt.: Schmeißt den Schwarzen Piet raus) beschreibt diese als stereotypisch. Laut ihnen ähneln die Piets – gewollt oder ungewollt – einer rassistischen Karikatur, die an die Blackface-Tradition in den Vereinigten Staaten erinnert. Beim Blackfacing schminken weiße Menschen ihre Gesichter schwarz und verkleiden sich als Afro-Amerikanerinnen, um diese anschließend zu verspotten. 
Seit Jahren setzten sich die Mitglieder der Organisation KOZP (Kick out Zwarte Piet) dafür ein, dass die Tradition des Schwarzen Piet verändert wird. Die Piets sollen ihre Gesichter nicht mehr schwarz anmalen und damit soll auch das Blackface in den Niederlanden beendet werden. Der Kampf der Aktivistenorganisation KOZP ist friedlich. Er findet in Form von gewaltfreien Demonstrationen bei den Sinterklaas-Einzügen statt. 
Neben den AktivistInnen demonstrieren bei den Einzügen aber auch jene, die am Schwarzen Piet festhalten wollen. Und zwar an dem Schwarzen Piet, der vor rund 150 Jahren als Tradition eingeführt wurde. Die roten dicken Lippen, die Goldkreolen, die krausen Haare, die Pagenkleidung und vor allem das schwarzangemalte Gesicht müssen bleiben, klagen die Verfechter der Tradition. 
Während diejenigen, die „Gegner“ Schwarzen Piets sind, friedlich und gewaltfrei demonstrieren, sorgen die „Fans“ des Schwarzen Piets immer wieder für Gewaltausbrüche: bei den Demonstrationen der letzten Jahre griffen sie Allochthone und Schwarze Menschen sowohl verbal als auch physisch an. Ein nicht unbeachtlicher Teil der gewalttätigen „Fans“ gehört rechtsextremen und neonazistischen Gruppen an. KritikerInnen betonen, dass bereits diese Tatsache zeigen würde, wie rassistisch die Tradition des Schwarzen Piet sei. Sie sind außerdem der Meinung, dass die Politik schon allein wegen der gewaltsamen Übergriffe etwas unternehmen und die Tradition verändern müsse. 
Und tatsächlich: in einigen niederländischen Gemeinden ist der traditionelle Schwarze Piet nicht mehr willkommen. Auch lokale Organisationen, ProgrammgestalterInnen und Einzelhandelsketten arbeiten an einer überarbeiteten Version des Piets: Das Gesicht des Helfers ist nicht mehr schwarz angemalt, seine Lippen sind nicht mehr dick und rot, seine Haare nicht mehr kraus und in seinen Ohrlöchern baumeln keine Goldkreolen mehr. Stattdessen haben die Schwarzen Piets Ruß im Gesicht. Schließlich kommen die Piets jetzt durch den Schornstein. Die Tradition rund um das Sinterklaasfest wird verändert – so, wie sie auch vor Jahrhunderten verändert wurde.

Datum: Sa. 05.12.2020